Warum (und wem) Männer Nachrichten schreiben, wenn sie betrunken sind

Wir haben tausend Fragen an Männer! Michael Nast, Kolumnist und Beziehungsautor aus Berlin, beantwortet uns einige davon. Heute: Welcher Frau schickt ein Mann Nachrichten, wenn er betrunken ist?

Michael Nast beantwortet auf freundin.de Männerfragen

Michael Nast beantwortet auf freundin.de Männerfragen

Es ist ja so eine Sache mit der Technik. Sie hat Vorteile - und sie hat Nachteile. Handys sind da ein sehr gutes Beispiel. So viele Vorzüge sie auch haben, sie können eine sehr gefährliche Sache sein. Vor allem wenn sie um vier Uhr morgens benutzt werden, wenn man so betrunken ist, dass man sich am nächsten Morgen vielleicht gar nicht mehr erinnern kann, sein Telefon überhaupt benutzt zu haben. Es gibt ja diese Apps, die man auf sein Handy laden kann, um sich sozusagen vor sich selbst zu schützen. Wenn sie aktiviert sind, kann man nur auf die Funktionen zugreifen, wenn man noch in der Lage ist, eine mathematische Gleichung zu lösen. Allerdings sind die wenigsten Menschen so umsichtig, ein solches Programm zu installieren.

Wir wissen alle, dass Alkohol einen euphorisierenden Effekt hat. Die Wahrnehmung verschiebt sich, wenn man betrunken ist. Man blendet gewissermaßen einen Teil der Wirklichkeit aus. Man vernachlässigt Wahrheiten, die nüchtern ein wesentlicher Aspekt gewesen sind, warum man mit der Frau nicht unbedingt zusammen sein möchte.
Im Berliner Nachtleben gibt es Leute, mit denen ich mich nur verstehe, wenn ich betrunken bin. Begegne ich ihnen an einem Nachmittag zufällig auf der Straße, würde ich am liebsten ganz schnell weitergehen. Als hätten wir uns in der falschen Welt getroffen, in der unsere Gemeinsamkeiten nicht existieren. Eine ähnliche Mechanik greift auch, wenn man früh morgens um zwei betrunken zu seinem Handy greift. Man befindet sich in einer Art naiv-romantischem Zustand.

Es gibt natürlich diese tragische Figuren, die ihrer Exfreundin betrunken ihre Liebe gestehen, oder sie beschimpfen, weil sie die Trennung noch nicht verarbeitet haben. Aber das sind ja peinliche Sonderfälle. Die meisten suchen in diesem Zustand in ihrer Kontaktliste nach ehemaligen Dates oder Liebschaften, deren Nummer man eigentlich nur noch nicht gelöscht hat, um, für den Fall, dass sie mal anrufen, dem Gespräch aus dem Weg zu gehen. Aber wenn man betrunken ist, spürt man plötzlich, dass diese Frauen es doch irgendwie wert sind, sie wiederzusehen. Man ist überzeugt, dass es eine Perspektive gibt. Dass sie sich bei ihrem Wiedersehen wirklich gut verstehen würden. Dass man daran arbeiten kann. Nun ja.

Sagen wir es so, ich habe solche Nachrichten auch schon geschrieben. An Frauen, mit denen ich Dates hatte, und mich aus guten Gründen wochen- oder monatelang nicht gemeldet habe – bis zu dieser einen Nacht. Ich ahnte allerdings schon vage, als ich die Nachricht abgeschickt hatte, dass ich meine naiv-romantische Phase nach dem Aufstehen hinter mir gelassen hätte. Dass es mir dann sogar unangenehm sein würde, an die Nachricht, die ich gerade verfasst hatte, auch nur zu denken. Vor allem auch wegen der Frauen, die mit meiner unerwarteten Nachricht vielleicht wieder eine Hoffnung verbanden, die sie eigentlich schon hinter sich gelassen hatten.

Was auch immer man sich einredet, letztlich gibt es nur einen Grund, sich bei Frauen zu melden, wenn man betrunken ist - es geht um Sex. Der Alkohol macht einen einfach wahlloser. Hier habe ich darüber geschrieben, mit welchem Typ Frau wir eine Beziehung wollen - und mit welchen nur Sex.

Meinem Bekannten Sascha ist beispielsweise vollkommen klar, dass er sich morgens um drei nicht melden wird, weil er plötzlich tief in sich die Liebe zu der Frau entdeckt hat. Er weiß, dass er Sex will. Oder zumindest jemanden, mit dem er zusammen einschlafen kann. Darum hat er seine Handy-Kontakte gewissenhaft gegliedert. In Gruppen. Es gibt viele Gruppen in Saschas Kontaktliste. Familie, enge Freunde, geschäftliche Kontakte, Frauen, an denen er interessiert ist, mit denen er sich allerdings noch nicht getroffen hat, Frauen, mit denen er sich bereits getroffen, aber noch nicht mit ihnen geschlafen hat, und Frauen, mit denen er schon geschlafen hat, und die er eigentlich nicht wiedersehen wollte. Und dann gibt es noch diese Liste, die "Bootie Calls" heißt. In dieser Liste sammelt Nummern der Frauen, bei denen er sich melden könnte, wenn er um sechs Uhr morgens immer noch niemanden gefunden hat, mit dem er schlafen kann oder will. Es ist die Liste für Spontansexangebote, für deren Mitglieder er die unscheinbare Fragen "Bist du gerade unterwegs?" verwendet. Frauen, mit denen er eine unausgesprochene Vereinbarung hat, sich gelegentlich, sozusagen in der richtigen Stimmung, zu unverbindlichem Sex zu verabreden. Die ehrliche Variante, die beiden Seiten keine Schmerzen zufügt.

Um es jetzt noch einmal zusammenzufassen: Jede Nachricht, die eine Frau von einem Mann nach ein Uhr morgens erhält, kann sie ignorieren. Keine Antwort ist schließlich auch eine Antwort. Wenn sie aber doch das Gefühl hat, irgendwie reagieren zu wollen, schreibt sie vielleicht etwas in der Art: "Ich finde es ja schon fast ein bisschen amüsant, dass ich immer noch in diesem Verzweiflungs-Date-Verteiler bin." Es wird seine Wirkung nicht verfehlen.

Ach ja, und dann gibt’s natürlich noch diese Männer, die ihrer Freundin schreiben, dass sie sie lieben, wenn sie betrunken sind. Und diese Nachrichten braucht man nun wirklich nicht zu ignorieren. Sie kommen nämlich aus tiefstem Herzen.

Sie wollen Männer endlich verstehen? Michael Nast hat in seinen Kolumnen auf (fast) alles eine Antwort.

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